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bewusst gesund

"Projekt Alice": Mehr als nur Gutsein

Roland Düringer mit Alice

Roland Düringer und Martin Michalitsch feiern Geburtstag mit Alice, dem Mädchen mit den besonderen Bedürfnissen

Es ist mehr als nur eine Verpflichtung zum Gutsein, die Roland Düringer und Martin Michalitsch zur Familie Lorentz nach Neulengbach führt. Alice, das Mädchen mit dem Down-Syndrom feiert Geburtstag. Sie wird 25 und ihr Lieblingssatz ist 'Ich liebe dich'. Das sagt sie zu ihrem Vater, ihren Geschwistern Christian und Yvonne, und so begrüßt sie auch den Roland, den sie noch gar nicht so lange kennt. Und auch den Andreas, ihren liebsten Freund aus der Caritas-Werkstatt, der ihr ein eigens fabriziertes Holzherz mit Gravur mitbringt.

Alice ist gerührt und sie zeigt es. Alice zeigt immer, was sie denkt und fühlt. Diese Ehrlichkeit ist entwaffnend und ermutigend zugleich. Eine Ehrlichkeit, die auch aus ihrem Vater spricht. Er will wie jeder Vater das Beste für sein Kind, nur, dass Alice besondere Bedürfnisse hat.

Bedürfnisse, denen heute weit mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt wird, als noch vor einigen Jahren. Das Leben für Menschen mit Down Syndrom ist leichter geworden, seit es Werk- und Wohnstätten für sie gibt, in denen Selbstständigkeit, motorische und intellektuelle Fähigkeiten trainiert und in einem täglichen Arbeitsprozess verwirklicht werden. Alice bastelt Filzherzen, als ihr Vater sie aus der Caritas-Werkstatt Tulln abholt. Davor hat sie mit dem neuen elektrischen Putzwagen den Gang gefegt, erzählt sie ihm. Das macht sie erst seit kurzem und ist sichtlich stolz, wie sie das schwere Gefährt geschickt um die Kurve gelenkt hat.

Alice geht es sehr gut hier unter all ihren Freunden und Betreuern, aber sie freut sich auch, wieder nach Hause zu kommen. Das kann man sehen. Johann Lorentz will, dass Alice eines Tages in den eigenen vier Wänden leben kann, nah bei der Familie, in vertrauter Umgebung, so selbstbestimmt und normal wie möglich. Er will Raum schaffen für Beziehung und ihre Zukunft sichern.

Wohnprojekt der besonderen Art
"Was wird aus Alice, wenn ich nicht mehr bin", spricht er aus, was viele Betroffene in ähnlichen Situationen denken, und hat ein Wohnprojekt der besonderen Art für Menschen mit besonderen Bedürfnissen entwickelt. Das 'Projekt Alice': betreutes Wohnen in acht Wohneinheiten und einem Gemeinschaftsbereich. Das Objekt: das Geburtshaus von Alice. Seit 4 Jahren kämpft er um das Projekt, akzeptiert keine verschlossenen Türen und findet immer mehr, die sich ganz leicht öffnen. "Der Roland hat gleich mitgemacht und die Sache unterstützt", freut er sich. Und wenn man dem Roland zuhört, warum er das tut, wird einem warm ums Herz. Der will etwas verändern in der Gesellschaft, das spürt man, so stark, dass Herr Lorentz bereits eine beträchtliche Unterstützung des Landes NÖ in Aussicht hat. "Damit ist das Projekt zur Hälfte finanziert", sagt er dankbar. Das Projekt, das beispielhaft sein soll, steht offenbar unter einem guten Stern, demselben, der schon vor vielen Jahren das Lorentz'sche Bemühen gegen Ausgrenzung und Akzeptanz seiner Tochter Alice in der Gesellschaft beschienen hatte.

"Alice war das erste Integrationskind" in Niederösterreich, sagt er noch heute stolz über sein zähes Kämpfen um schulische Integration. Alice wuchs mit ganz normalen Kindern auf.

Alice feiert Geburtstag
Alle singen den Geburtstagshit 'Happy Birthday' und nichts ist anders als bei anderen Geburtstagen. Torte, Sprühkerze und Geschenke, die Alice ganz behutsam aus dem gelben Papier wickelt. Roland Düringer bewundert diese Geduld und zitiert aus der eigenen Erinnerung: "Bei mir ging das ratzfatz". Ansonsten plädiert er für Achtsamkeit in allem, was man tut. Dem Künstler, berühmt für sein großes Herz und humorige Wuchteln, hat sich der Schalk tief ins Gesicht geprägt. Sein Lachen, das in jeder Zelle steckt, wirkt wie eine Verständigungsbrücke zu Alice, die auch so gern lacht.

Es ist, so wie es wirkt
Roland Düringer ist nicht da, weil er Gutes tut, um es dann gleich wieder zu vergessen, sondern weil es ihm wichtig ist, nichts wegzuschieben, nur weil es anders ist. " Menschen, die krank sind oder mit besonderen Bedürfnissen, die das System bremsen, die räumt man gern weg, damit sie unser Leben nicht stören.", sagt er. Was fehlt, seien Betroffenheit, echtes Mitgefühl und der Mut gegen die eigenen Berührungsängste mit dem 'anders Normalen'.

Behindert ist, wer behindert wird
"Eigentlich herrscht sowieso der kollektive Wahnsinn", sinniert der Komiker mit ernsthafter Absicht, "aber mancher 'Klescher' wird halt eher akzeptiert." Menschen, die sich anders verhalten, sind eine Chance, unsere Wahrnehmung zu verändern. Statt sie abzulehnen, kann man viel von Menschen wie Alice lernen und dankbar sein, dass es sie gibt." Es war ein schönes Erlebnis, mit Alice Geburtstag zu feiern. Vielleicht wird sie in einigen Jahren jeden Geburtstag zu Hause feiern mit ihren Freunden, die dann auch hier leben sollen. Aber ein wenig wird es wohl noch dauern bis viele erkennen, dass bei Projekten wie diesem alle zu gewinnen haben, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen ebenso wie jeder ‚anders normale' Mitmensch, der diese Bedürfnisse stillen kann. Durch ein Lächeln, eine Umarmung und tatkräftige Unterstützung.

"Was sagen schon Worte" meint Düringer zum Abschluss, bezeichnet sie als Wegweiser, die aber nur dann wirklich Sinn erhalten, wenn man mit dem Herzen spricht. "Im Grunde ist das die einzige Form zu kommunizieren", sagt er und meint, dass wir, die oft viel reden und anderes meinen, von Alice lernen können , weil sie nur das sagen und ausdrücken kann, was sie wirklich meint und das ganz direkt.

Roland Düringer plädiert aus ganzem Herzen für mehr Herzlichkeit und man glaubt ihm die die ganze reine Absicht hinter seinen freundlichen Worten.

 

 
© ORF FR 12.3.2010
17.40 Uhr
ORF 2

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